Was ist der Kantenwinkel

Kantenwinkel (engl. edge angle) ist der Winkel zwischen der Gleitfläche des Skis und der örtlichen Ebene der Schneeoberfläche. Liegt der Ski mit der Gleitfläche flach auf ebenem Schnee, ist der Kantenwinkel ungefähr null. Beim Aufkanten des Skis vergrößert er sich.

Entscheidend ist die örtliche Schneeebene, nicht die Horizontale. Auf quer geneigtem, welligem oder zerfahrenem Untergrund lässt sich der Kantenwinkel daher nicht zuverlässig nur anhand der Position des Skifahrers auf einem Foto beurteilen. Außerdem kann er sich entlang des Skis durch seine Biegung, Torsion und die Verformung des Schnees leicht verändern.

In diesem Sinn geht es um den Fahrkantenwinkel des Skis zum Schnee. Er ist nicht zu verwechseln mit dem Servicwinkel des Seitenschliffs der Kante oder mit dem Winkel, in dem die Kante von der Gleitfläche absteht.

Wie er die Kurve beeinflusst

Bei einem taillierten Ski führt ein größerer Kantenwinkel in der Regel zu einer stärkeren Biegung des Skis und ermöglicht bei ausreichend sauberer Führung einen kleineren Radius der geschnittenen Kurve. Es gilt jedoch nicht die einfache Regel, dass ein doppelter Winkel eine doppelt schärfere Kurve erzeugt. Den tatsächlichen Verlauf beeinflussen auch:

  • Taillierung, Steifigkeit und Torsionseigenschaften des Skis,
  • Größe und Verteilung der Belastung,
  • Fahrgeschwindigkeit,
  • Härte und Bindung des Schnees,
  • Phase der Kurve,
  • Anstellwinkel des Skis und das Ausmaß des Schlupfs.

Der Anstellwinkel beschreibt den Unterschied zwischen der Längsrichtung des Skis und seiner Bewegungsrichtung am Hang. Ein Ski kann daher auf einen großen Kantenwinkel gestellt sein und sich dennoch deutlich schieben. Ein hoher Kantenwinkel allein ist kein Beweis für Carving oder für gute Technik.

Die Kante erzeugt wirksamen seitlichen Halt nur in Verbindung mit ausreichender Belastung und einem passenden Zustand des Untergrunds. Auf weichem oder zerfahrenem Schnee kann der Ski die Oberfläche durchschneiden oder verformen; auf hartem Schnee können sich Zustand der Kanten, Führungspräzision und Stabilität des Skifahrers stärker zeigen.

Wie der Skifahrer den Kantenwinkel verändert

Der Winkel entsteht durch das koordinierte Kanten der Ski und das Neigen der Beine gemeinsam mit der Bewegung des ganzen Körpers. In der Technik unterscheidet man vor allem Inklination, also das Neigen des Körpers nach innen in Richtung Kurveninneres, und Angulation, bei der sich vor allem in Sprunggelenken, Knien und Hüften die Winkel so verändern, dass sich die Position von Oberkörper und Beinen gegenseitig anpasst.

Kantenwinkel – technische Illustration Ski Loko

Dabei geht es nicht um ein isoliertes Drücken des Knies nach innen. Funktionelles Kanten muss mit Gleichgewicht, Skiunterstützung und der Möglichkeit verbunden bleiben, den Winkel fließend zu vergrößern und zu verkleinern. Beim Übergang zwischen den Kurven löst der Skifahrer die alten Kanten, geht durch eine neutralere Skistellung und setzt neue Kanten.

Kinder und Lernen

Bei Kindern ist es nicht sinnvoll, eine Zielzahl an Grad festzulegen oder extreme Körperhaltungen erwachsener Rennläufer nachzuahmen. Bewegungsumfang, Kraft, Gleichgewicht und die Fähigkeit, Druck wahrzunehmen, verändern sich mit dem Alter und der motorischen Entwicklung.

Ein Anfänger lernt zunächst, die Kanten sicher zu lösen und wieder einzusetzen, das Rutschen zu steuern und die Richtung auf einem passenden Hang zu ändern. Später kann er flachere und stärker gekantete Skiführung unterscheiden, mit der Belastung über den Außenski arbeiten und einen flüssigeren Verlauf des Kantenaufbaus erzeugen. Die Aufgaben sollen zur Geschwindigkeit, zur Hangneigung, zu den Schneebedingungen und zum aktuellen Niveau des Kindes passen.

Ein häufiger Fehler ist der Versuch, Knie oder Hüfte so nah wie möglich an den Schnee zu bringen. Eine solche Position kann die Folge von Kräften und eines großen Winkels in einer guten Kurve sein, sie soll aber kein eigenständiges Ziel sein. Ein vorzeitiges oder erzwungenes Neigen ohne aufgebaute Unterstützung führt oft zum Verlust des Gleichgewichts, zur Überlastung des Innenskis oder zu einem plötzlichen Rutschen.

Renn- und Trainerblick

Im Rennski beurteilt der Trainer nicht nur den maximalen Winkel, sondern vor allem wann, wo und wie schnell er vom Rennläufer erzeugt und wieder gelöst wird. Der nötige Verlauf hängt von der Disziplin, der Anordnung der Tore, der gewählten Linie, der Geschwindigkeit und dem Streckenprofil ab. Ein großer Winkel, der zu spät entsteht, hilft nicht unbedingt, wenn der Skifahrer die passende Linie bereits verpasst hat oder die Kurve stark fertig fahren muss.

Der Kantenwinkel ist deshalb das Ergebnis der Lösung einer konkreten Kurve und kein allgemeines Maß für Leistung. Der Trainer beobachtet ihn zusammen mit dem Gleichgewicht über dem Außenski, der Ausrichtung der Ski, der Spur im Schnee, der Druckregulierung und der Geschmeidigkeit des Übergangs. Eine schmale, saubere Spur kann eine geschnittene Führung anzeigen; eine breite Spur und aufspritzender Schnee deuten auf einen größeren Anteil des Rutschens hin, aber auch die Spur allein erklärt nicht alle Ursachen.

Quellen und Weiterlese n

  1. Reid et al.: Alpine Ski Motion Characteristics in Slalom, Frontiers in Sports and Active Living
  2. Snyder et al.: Connected skiing – Validation of edge angle and radial force estimation, European Journal of Sport Science
  3. Kröll et al.: Technique-Dependent Relationship between Local Ski Bending Curvature, Roll Angle and Radial Force in Alpine Skiing
  4. US Ski & Snowboard: Alpine Training Systems
  5. US Ski & Snowboard: Alpine Manual Level 100
  6. Komissarov: Mechanics of wedge turns in alpine skiing, Sports Engineering
  7. Komissarov: Mechanics of side-slipping in alpine skiing – theory of machining snow and ice, Sports Engineering
  8. Spörri und Kollegen: Sidecut-Radius und die Mechanik des Schwungs im alpinen Riesenslalom