Was ist eine direkte Linie

Direkte Linie (engl. direct line oder straight line) ist die gewählte Spur des Läufers mit kleiner seitlicher Abweichung und mit dem kürzestmöglichen Verlauf bergab oder zwischen festgelegten Punkten. Im Rennskilauf bezeichnet sie eine kurze, offensive Linienwahl zwischen den Toren. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Läufer ohne Kurven auf einer geometrisch geraden Linie fährt.

Es handelt sich vor allem um einen trainerischen und taktischen Begriff. Die FIS-Regeln bestimmen die Anordnung des Kurses und die Bedingungen für die korrekte Torpassage, schreiben aber keine einzige ideale Rennlinie vor. Diese wählt der Athlet je nach Toranordnung, Hangneigung, Geländeveränderungen, Schneeoberfläche, Geschwindigkeit und eigenen Fähigkeiten.

Direkte Linie, Falllinie und Torlinie

Diese Begriffe darf man nicht verwechseln:

  • Falllinie ist die Richtung der größten Hangneigung an einem bestimmten Punkt. Ein Läufer, der entlang der Falllinie fährt, verliert am schnellsten an Höhe.
  • Direkte Linie ist die tatsächlich gewählte Spur. Sie kann sich der Falllinie annähern, wird zwischen versetzten Toren aber durch aufeinanderfolgende Kurven gebildet.
  • Torlinie ist ein Begriff aus den Regeln zur Beurteilung der korrekten Torpassage. Ihre genaue Bestimmung hängt von Disziplin und Toranordnung ab. Sie ist keine empfohlene Spur, auf der der Athlet die Ski führen soll.

Nach den FIS-Regeln ist ein Tor korrekt passiert, wenn beide Skispitzen und beide Füße des Athleten die Torlinie überqueren; die Regeln regeln zugleich besondere Situationen, etwa Slalom mit einem Stab oder den Verlust eines Skis.

Ist die kürzeste Linie die schnellste?

Nicht immer. Eine kürzere Strecke ist nur dann von Vorteil, wenn der Läufer sie ohne starkes Bremsen, Rutschen oder Gleichgewichtsverlust bewältigen kann. Eine zu direkte Linie kann dazu führen, dass der Athlet die Kurve zu spät einleitet, unter das Tor gerät und die Richtung stark ändern muss. Das Ergebnis sind meist größerer Skischub, Geschwindigkeitsverlust und eine schlechte Position vor dem nächsten Tor.

Die schnelle Linie ist daher ein Kompromiss zwischen:

Direkte Linie – technische Illustration Ski Loko
  • der Länge der gefahrenen Spur,
  • dem Erhalten der Geschwindigkeit,
  • der Form und dem Timing des Schwungs,
  • der Bereitschaft für das nächste Tor,
  • dem sicheren Bewältigen des Geländes.

Ein fortgeschrittener Rennläufer kann je nach Situation einen geschnittenen Schwung mit einer kurzen Umsteuerung der Ski kombinieren. Das bedeutet aber nicht, dass die direkte Linie ein Synonym für Drift ist oder umgekehrt ausschließlich fürs Fahren auf den Kanten steht.

Kinderskifahren

Für ein Kind soll die direkte Linie keine Anweisung sein: „fahr geradeaus und so schnell wie möglich“. Eine geringere seitliche Führung der Ski führt in der Regel zu einem schnelleren Geschwindigkeitsaufbau, kürzerer Reaktionszeit und höheren Anforderungen an Gleichgewicht und das Timing der Bewegungen.

In der Trainingspraxis wird daher zuerst die Fähigkeit entwickelt:

  • die Richtung nach beiden Seiten zu ändern,
  • Schwünge in einem angemessenen Rhythmus zu verbinden,
  • die Geschwindigkeit über die Schwungform zu regulieren,
  • an einer vorgegebenen Stelle anzuhalten,
  • den Raum, das Gelände und die anderen Skifahrer wahrzunehmen.

Die Linie kann mit Bürsten, Hütchen, Farbe oder einem breiteren Korridor markiert werden. Bei Anfängern sollte der Korridor breit genug sein, damit sie den Schwung ohne erzwungene Bewegung beenden können. Mit wachsender technischer Sicherheit kann der Trainer die Aufgabe schrittweise präzisieren. Es gibt nicht eine einzige passende direkte Linie für alle Kinder gleichen Alters.

Rennkontext und Sicht des Trainers

Bei der Besichtigung der Strecke beurteilt der Rennläufer nicht nur die einzelnen Tore. Er beobachtet den gesamten Abschnitt und den Punkt, von dem aus er den nächsten Schwung beginnen muss. Eine direkte Linie kann auf einem flüssigen Abschnitt mit ausreichend Platz sinnvoll sein, vor einer Knickstelle der Strecke, einer Geländekante, einer Tor-Kombination oder einer Stelle, an der die Geschwindigkeit reguliert werden muss, jedoch ungeeignet sein. Im Ski Cross muss er außerdem mit Gegnern rechnen und eine Ausweichspur vorbereitet haben.

Der Trainer sollte nicht nur den Abstand der Ski zum Stangenpfosten bewerten. Wichtiger ist, ob der Skifahrer den Abschnitt im Gleichgewicht durchfährt, nicht unnötig Geschwindigkeit verliert und an den nächsten Schwung anknüpfen kann. Die direkte Linie ist nur dann sinnvoll, wenn sie Teil einer beherrschten Technik und einer bewussten taktischen Entscheidung ist.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. FIS – Alpine Documents: aktuelle internationale Regeln und Dokumente des alpinen Skisports
  2. FIS – Para Alpine Skiing Rules and Regulations: Definition der Torlinie und der korrekten Durchfahrt durchs Tor
  3. FIS – Moguls 101: die direkte Linie im Kontext des Fahrens entlang der Falllinie
  4. U.S. Ski & Snowboard – Athlete Performance Profile: Wahl der kürzesten Linie bei Erhalt der Geschwindigkeit und Entwicklung der Taktik
  5. U.S. Ski & Snowboard – Introduction to Ski Cross: Wahl mehrerer Linien, Taktik und Risikomanagement
  6. U.S. Ski & Snowboard – Using Dye Lines for Tactics: Einsatz farbiger Linien im taktischen Training
  7. U.S. Ski & Snowboard – Alpine Ski Racing Vocabulary: Fachterminologie und Einsatz von Bürsten zur Markierung der Linie
  8. U.S. Ski & Snowboard – Alpine Competition Officials Education Resources