Was ist der Schwerpunkt

Schwerpunkt ist ein gedachter Punkt, mit dem sich die Wirkung der Schwerkraft auf den Skifahrer vereinfacht beschreiben lässt. In der Biomechanik wird genauer der Begriff Massenschwerpunkt (center of mass, CoM) verwendet. Der Massenschwerpunkt beschreibt die Verteilung der Masse der einzelnen Körperteile; der Schwerpunkt beschreibt die Wirkung der Gravitationskraft. In einem ungefähr gleichmäßigen Gravitationsfeld stimmt ihre Lage praktisch überein, deshalb werden in der Skiterminologie beide Begriffe oft als Synonyme verwendet.

Der Schwerpunkt ist kein anatomischer Punkt, der am Becken oder Bauch befestigt ist. Seine Lage verändert sich beim Vorbeugen, Aufrichten, Beugen der Beine, bei Armbewegungen und auch bei unterschiedlicher Stellung einzelner Körperteile. In der biomechanischen Messung wird er deshalb aus der Lage und dem Massenanteil der Körpersegmente berechnet. Bei einer detaillierten Auswertung kann auch die Skiausrüstung in das Modell einbezogen werden.

Bedeutung beim Skifahren

Das Gleichgewicht beim Skifahren entsteht nicht dadurch, dass ein einziger unveränderlicher Punkt „über der Skimitte“ gehalten wird. Der Skifahrer regelt laufend das Verhältnis zwischen der Lage seines Massenschwerpunkts, den Kontaktstellen der Ski mit dem Schnee, der Bahn der Ski und den äußeren Kräften. Dazu gehören vor allem Gewichtskraft, Untergrundreaktion und Luftwiderstand.

Beim geraden und langsamen Gleiten kann die Senkrechtprojektion des Schwerpunkts ungefähr zwischen den Ski liegen. In der dynamischen Kurve bewegen sich Körper und Ski jedoch nicht auf derselben Bahn. Die Ski können die Kurve weiter außen führen, während sich der Massenschwerpunkt auf einer inneren Trajektorie bewegt. Eine solche Lage bedeutet für sich allein keinen Gleichgewichtsverlust; sie ist ein natürlicher Bestandteil des Kurvenfahrens. Die Forschung im Rennskilauf verfolgt deshalb getrennt die Bahn der Ski, die Bahn des Massenschwerpunkts, seine Geschwindigkeit, die Lage nach vorn und hinten sowie den Abstand zu den Füßen.

Der Skifahrer verschiebt den Schwerpunkt nicht direkt wie einen einzelnen Gegenstand. Er verändert die Lage der Körperteile durch Bewegungen in Sprunggelenken, Knien, Hüften und Rumpf. Das Ergebnis ist eine Verlagerung des Massenschwerpunkts:

  • zur Seite, zum Beispiel beim Wechsel in eine neue Kurve,
  • nach vorn oder nach hinten bezogen auf Füße und Ski,
  • höher oder tiefer beim Strecken und Beugen der Beine.

Umfang und Timing dieser Bewegungen hängen von der Kurvenphase, der Hangneigung, der Geschwindigkeit, dem Kurvenradius, den Schneeverhältnissen und der gewählten Technik ab. Deshalb gibt es keine eine richtige Schwerpunktlage, die für die ganze Kurve gilt.

Der Schwerpunkt ist kein Druck auf den Ski

Der Massenschwerpunkt darf nicht mit dem Ort verwechselt werden, an dem der Skifahrer Druck spürt oder erzeugt. Die Belastung entsteht durch die Kräfte zwischen Ski und Schnee und kann sich auf beide Ski sowie zwischen Vorder- und Hinterteil des Skis verteilen. Die Lage des Schwerpunkts beeinflusst diesen Prozess, bestimmt ihn aber nicht allein. Ein und dasselbe Körperfoto reicht deshalb nicht aus, um den Druckverlauf oder die Qualität der Kurve zuverlässig zu bestimmen.

Schwerpunkt – technische Illustration Ski Loko

Ebenso ungenau ist die allgemeine Regel „der Schwerpunkt muss immer vorn sein“. Die Lage nach vorn und hinten ist dynamisch und muss im Verhältnis zur Hangneigung, zur Ausrichtung der Ski, zur Beschleunigung und zur jeweiligen Kurvenphase bewertet werden. Wissenschaftliche Analysen bestimmen sie daher als Projektion des Zusammenhangs zwischen dem Massenschwerpunkt und dem Bereich der Füße auf die Hangebene, nicht nur danach, ob die Hüften auf dem Bild vor oder hinter den Fersen liegen.

Kinderkontext

Kindern kann man den Schwerpunkt ungefähr als „den Punkt, der sich mit dem ganzen Körper mitbewegt“ erklären. Auf den Bauch oder den Gürtelbereich zu zeigen ist eine brauchbare Anschauungshilfe, aber keine genaue anatomische Bestimmung. Bei einer Änderung der Haltung verschiebt sich dieser Punkt nämlich.

In der Trainingspraxis ist es besser, wenn ein Kind die Wirkung der Körperposition in einer einfachen Bewegungsaufgabe erlebt, statt zu versuchen, einen gedachten Punkt bewusst einzustellen. Die Aufgaben müssen seinem Skilevel, seiner Koordination, Kraft, Proportionen und den Bedingungen am Hang entsprechen. Feste Anweisungen wie „bleib immer tief“ oder „halt die Schultern immer über den Schuhspitzen“ können die natürliche Bewegung und die Fähigkeit, auf das Gelände zu reagieren, einschränken.

Ein Anfänger muss zuerst sicher die Geschwindigkeit regulieren, die Richtung ändern und Sicherheit beim Verlagern des Gewichts gewinnen. Erst später ist es sinnvoll, seitliche Bewegung, die Höhe der Haltung sowie die Position nach vorn oder nach hinten genauer zu unterscheiden. Es handelt sich nicht um altersmäßig fest vorgegebene Stufen; entscheidend sind das aktuelle Niveau des Kindes und die Einschätzung eines qualifizierten Trainers.

Rennski

Im Wettkampf ist die Bahn des Schwerpunkts ein wichtiger Teil der Leistungsanalyse. Sie beeinflusst die Linie des Skifahrers zwischen den Toren, die Möglichkeiten, Kräfte aufzubauen und zu verkraften, sowie den Übergang von einem Bogen in den nächsten. Moderne Studien schätzen sie mithilfe einer Kombination aus Mehrkamerasystemen, Satellitenmessung und Inertialsensoren. Ein Sensor an Helm, Nacken oder Kreuzbereich ist jedoch nicht der Schwerpunkt selbst; seine Daten müssen mit Hilfe eines Körpermodells verarbeitet werden.

Die Position des Schwerpunkts ist nicht Gegenstand einer eigenen FIS-Regel, und es gibt keinen vorgeschriebenen Winkel oder Abstand, den der Athlet einhalten muss. Es handelt sich um einen biomechanischen Parameter, der bei der Bewertung von Technik, Belastung und Leistung verwendet wird.

Typische Missverständnisse

  • „Der Schwerpunkt ist immer beim Bauchnabel.“ Das ist nur eine grobe Orientierung; die Position verändert sich mit der Körperhaltung.
  • „Ein guter Skifahrer hat den Schwerpunkt immer über den Skiern.“ In der Kurve befindet sich der Schwerpunkt meist zur Innenseite der Skilinie hin.
  • „Je tiefer der Schwerpunkt, desto besser die Technik.“ Die Höhe der Haltung muss Bewegung, Dämpfung von Unebenheiten und weitere Belastungswechsel ermöglichen.
  • „Die Position des Schwerpunkts zeigt, wo der Druck ist.“ Es sind zusammenhängende, aber unterschiedliche Größen.
  • „Ein einzelnes Standbild beweist eine Rücklage.“ Ohne Kurvenphase, Hangneigung, Bewegungsrichtung und Angaben zu den Kräften kann ein solcher Schluss falsch sein.

Der Blick des Trainers

Der Trainer beobachtet nicht nur, wo sich der Schwerpunkt ungefähr befindet. Er beurteilt vor allem die Folge der Bewegung: ob der Skifahrer die Ski auf der vorgesehenen Linie führen, die Kanten fließend wechseln, die Belastung steuern und genügend Bewegungsumfang für die nächste Situation bewahren kann. Bei Kindern hat eine verständliche Aufgabe und eine sichere Umgebung Vorrang vor dem mechanischen Nachahmen der Haltung eines erwachsenen Rennläufers. Video ist dann hilfreich, wenn die gesamte Bewegungsfolge und die konkrete Phase der Kurve beurteilt werden, nicht eine isolierte Körperposition.

Quellen und weitere Lektüre

  1. US Ski & Snowboard: Level 100 Alpine Manual – Wörterbuch und Grundlagen der Biomechanik des Skifahrens
  2. Fasel et al. (2017): Ein auf Inertialsensoren basierendes Verfahren zur Schätzung der relativen Gelenkzentrum-Positionen des Athleten und der Kinematik des Körperschwerpunkts im alpinen Skirennlauf
  3. Spörri et al. (2012): Kurssetzung und ausgewählte biomechanische Variablen im Zusammenhang mit dem Verletzungsrisiko im alpinen Skirennlauf
  4. Gilgien et al. (2013): Bestimmung äußerer Kräfte im alpinen Skisport mithilfe eines differentiellen Global Navigation Satellite Systems
  5. Fasel et al. (2018): Eine neue Methode zur Trainingsbewertung im alpinen Skirennlauf – Schätzung der Körperschwerpunkt-Trajektorie
  6. Gilgien et al. (2019): Methodische und praktische Überlegungen zur Bewertung der alpinen Skileistung mithilfe von Global Navigation Satellite Systems
  7. Oštrek et al. (2019): Sind bestehende monokulare computersehbasierte 3D-Bewegungserfassungsansätze bereit für den Einsatz?